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Geldreform-Kongress in den USA
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Vom 21. bis 24. September 2006 fand an der Roosevelt University in Chicago die zweite Geldreformkonferenz des American Monetary Institutes [AMI, www.monetary.org ] statt. Das AMI steht in der Tradition der sogenannten Chicago Schule und Irving Fisher’s, die Anfang der 1930er Jahre die Abschaffung der privaten Geldschöpfung forderten und eine 100% Mindestreserve auf alle Sichtguthaben vorschlugen. Während heute der Großteil der zahlungswirksamen Geldmenge von privaten Geschäftsbanken im multiplen Kreditvergabeprozess geschaffen wird, ist in einem 100%-System allein die Zentralbank zur Geldschöpfung berechtigt. Darüber hinaus wird das ausschließlich vom Staat geschöpfte Geld direkt oder indirekt in Form einer Bürgerdividende in Umlauf gebracht, d.h. ohne dass ein Schuldverhältnis begründet werden muss.
Direktor des AMI und Organisator der Konferenz ist Stephen Zarlenga, dessen Hauptwerk „The Lost Science of Money“ zuerst im deutschsprachigen Raum als „Der Mythos vom Geld“ erschien und in der ZfSÖ (Folge
133 und 139) besprochen wurde. Ebenso dürfte das inhaltlich nahe stehende Vollgeldkonzept von Joseph Huber bekannt sein (ZfSÖ Folge 133 und 142).
Die Konferenz fand mit über 80 Teilnehmern aus den USA,
Kanada, Australien und Großbritannien regen Zuspruch. Der langjährige AMI-Aktivist Richard Distelhorst sprach zunächst über die Gründe und die langfristige Entwicklung der öffentlichen und privaten Verschuldung in
den USA. Die meisten Konferenzteilnehmer dürften mit der deutschsprachigen Geldreformbewegung die Überzeugung teilen, dass unser heutiges Geldsystem mit seinem Zinsmechanismus zu zunehmender Verschuldung und zur
Instabilität des Weltfinanzsystems führen wird. Während die deutschsprachige Geldreformbewegung die Liquiditätsprämie und das stets positive Zinsniveau für die exponentiell anwachsende Verschuldung verantwortlich
macht, sehen Anhänger der 100%-Mindestreserve den heutigen Geldschöpfungsprozess als Wurzel allen Übels an. Eine nicht schuldenbasierte Geldschöpfung wie im 100%-Mindestreservesystem würde einer Verschuldungskrise
die ursprüngliche Basis entziehen und somit schon einen Schritt vor den freiwirtschaftlichen Lösungsvorschlägen ansetzen.
Der Pensionsfonds-Manager David Hershey diskutierte die geldtheoretischen Ideen
Frederick Soddy’s aus der Sicht eines Finanzmarktpraktikers. Hershey hob die Einsicht Soddy’s hervor, dass Gewinne aus geometrisch verzinsenden Finanzanlagen und reale Vermögenszuwächse langfristig unvereinbar sind
(siehe auch ZfSÖ 151). Obwohl er darauf hinwies, dass sich Soddy der Abnutzung und Entwertung realer Vermögenswerte bewusst gewesen sei, standen Soddy’s Reformvorschläge – Staatsmonopol bei der Geldschöpfung,
100%-Mindestreservehaltung und Ausrichtung der Geldpolitik an einem explizitem Inflationsziel – der Chicago-Schule näher als freiwirtschaftlichen Lösungsansätzen. Die Berührungspunkte zwischen diesen beiden
Reformansätzen sind allerdings mehr als nur oberflächlich. So war Irving Fisher z.B. Anhänger beider Reformvorschläge und Christopher Mensching argumentiert im ZfSÖ-Heft 147 von der Notwendigkeit einer doppelten
Geldreform.
Auch in Großbritannien hat die 100%-Mindestreserve viele Anhänger. Alistair McConnachie, Herausgeber des Prosperity Newsletter [ www.prosperityuk.com ], berichtete im Vorjahr von der jährlich stattfindenden Bromsgrove Conference, während in diesem Jahr Kenneth Palmerton aus Schottland die mehr als 1000-jährige Geldgeschichte der Kanalinseln Guernsey and Jersey vor dem Vergessen bewahrte. Palmerton, der auf Jersey geboren wurde, führte die traditionell geringe Steuerbelastung der Inselbewohner auf deren Geldsystem zurück. Geld wurde in diesen lokal begrenzten Ökonomien nur geschaffen, wenn ein Bedürfnis für ein Infrastrukturprojekt festgestellt wurde und wenn darüber hinaus Material und Arbeit zur Verfügung standen. Die Inselbewohner haben sich bis heute das Vorrecht bewahrt, ihr eigenes Geld zu drucken, wenn auch in einer Währungsunion mit Großbritannien. James Gibb Stuart, im traditionellen schottischen Kilt auftretend, sprach von der asiatischen Währungskrise von 1998 und wie er gebeten wurde, der malaysischen Regierung Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Wie von Gibbs vorgeschlagen, führte Malaysia u.a. Kapitalverkehrskontrollen ein, lehnte weitere IWF-Kredite („Hilfspakete“) ab und räumte der Versorgung der einheimischen Bevölkerung einen höheren Stellenwert ein als der Bedienung ausländischer Kredite. Diese viel kritisierten Maßnahmen trugen dazu bei, dass Malaysia die Währungskrise besser als andere Staaten in der Region überstand.
Der Name Silvio Gesells tauchte in den Diskussionen oft auf. Aber entgegen einer Ankündigung des Veranstalters gab es keine systematische Einführung in seinen Geldreformvorschlag und keine Diskussion der
inhaltlichen Differenzen zum 100%-Mindestreservevorschlag.
Auf der Konferenz wurde deutlich, dass die Bemühungen des AMI weit über theoretische Diskussionen hinausgehen. Ken Bohnsack berich tete z.B. über
seine privat finanzierte Lobbytätigkeit in Washington. Es gelang ihm dabei, 25 Kongressabgeordnete als Co-Sponsoren für seinen Sovereign-Vorschlag zu gewinnen, der die Ausgabe zinsloser Kredite an Städte und
Kommunen beinhaltete. Zurzeit arbeitet das AMI daran, die Reformvorschläge als American Monetary Act in den Gesetzgebungsprozess einzubringen. Zarlengas Lobbyarbeit hierfür in Washington führte übrigens dazu, dass
der Kongressabgeordnete Dennis Kucinich, der wiederum eine Nominierung als demokratischer Präsidentschaftskandidat anstrebt, und die damalige Assistentin Zarlengas heirateten. Seitdem haben sich nicht nur die
politischen Einflussmöglichkeiten in Washington erweitert, sondern dass AMI konnte Dennis Kucinich zum zweiten Mal als Hauptredner auf der Konferenz begrüßen.
Obwohl mir die Lobbyarbeit des AMI als sehr
professionell erschien, wurde dieser Eindruck durch den Vortrag von Edward Chambers relativiert. Dr. Chambers ist Präsident der Industrial Areas Foundation (IAF) die sich darauf spezialisiert hat, Vertreter
verschiedenster Gruppierungen zu professionellen Organisatoren auszubilden. Erfolgreiche Bewegungen müssen laut Chambers nicht nur genügend finanzielle Mittel haben um mehrere Vollzeitkräfte zu beschäftigen, sie
müssen auch z.B. mehrere inhaltliche Schwerpunkte besitzen und Koalitionen mit nahestehenden Verbänden eingehen. In diesem Sinne sehe ich auch die Vorträge von Charles Walters, dem Begründer des Acres Magazin, einer
Zeitschrift für ökologischen Landbau, und den Vortrag von Randy Cook, dem Vorsitzenden der National Organization of Raw Materials. Walters und Cook argumentierten für ein Paritätssystem, das faire Preise für Farmer
und für Rohstoff-Produzenten propagiert. Ich stehe diesen Konzepten zwar sehr skeptisch gegenüber, erkenne aber an, dass es Stephen Zarlenga durch diese Kooperation gelungen ist, das Geldthema auch in andere Kreise
zu tragen. Da es mir unmöglich ist, näher auf Chambers’ hervorrgenden Vortrag im Einzelnen einzugehen, möchte ich darauf hinweisen, dass seine Ausführungen in seinem Buch “Roots for Radicals: Organizing for Power,
Action, and Justice” nachzulesen sind.
Die mehr als 20 Konferenzbeiträge lassen sich hier nicht alle referieren, aber sie können als Audio-Mitschnitt auf einem über www.monetary.org bestellbaren CD-Set angehört werden. Ganz im Sinne Chambers hat meine Teilnahme an den beiden Konferenzen meine Überzeugung gestärkt, dass eine Kooperation zwischen Geldreformern und Vollgeld-Anhängern für beide Seiten von Vorteil wäre. So blicke ich schon wieder gespannt auf die nächste im September 2007 stattfindende Konferenz und hoffe auf weitere interessante Denkansätze.
[aus Zeitschrift für Sozialökonomie | Folge 152 | April 2007] Norman Ehrentreich
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Die „Mündener Gespräche“ - eine etwas andere freiwirtschaftliche Tagung
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Es muss immer wieder einmal betont werden: Die Sozialwissenschaftliche Gesellschaft als Veranstalter der “Mündener Gespräche” sucht die Diskussion mit der Wissenschaft und will die
Freiwirtschaftslehre als Denkschule gleichberechtigt in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Sie stellt sich dem Meinungsstreit, den Dialog, indem sie andere Meinungen als gleichwertig annimmt und sachlich
prüft. Wissenschaftlich arbeiten setzt die Bereitschaft voraus, sich selbst infrage stellen zu können, sich kontinuierlich infrage stellen zu lassen und - das gelassen zu ertragen. Der Vorsatz, sich diesem Prozess
auszusetzen und ihn als gewinnbringend zu erfahren, ist an das Bemühen geknüpft, das eigene Wissen kontinuierlich einer Realitätsprüfung zu unterwerfen und es immer wieder neu zu begründen. Die
Sozialwissenschaftliche Gesellschaft braucht das Verständnis und die Toleranz derer, denen dieser - in der Freiwirtschaftsbewegung nicht gerade unerprobte - Stil ungewohnt ist.
Die
Freiwirtschaftslehre hat in der Wissenschaft keinen guten Ruf. Ein Grund kann darin liegen, dass den Reformvorschlägen Silvio Gesells der Charakter einer Heilslehre anhaftet, was auch schon zu Gesells Lebzeiten
wohlwollende Kritiker feststellten. Der Weg zur Diskriminierung der Freiwirtschaftler als Sektierer ist daher nicht weit. Nun gehört es fast zur täglichen Erfahrung freiwirtschaftlicher Akteure, - zwar mit
scharfer geistiger Sonde im Gepäck, - immer wieder erleben zu müssen, objektiv recht zu haben, aber im allgemeinen Mediengetöse nicht recht zu bekommen. Das verletzt, verdrießt, kann auch den Sanftesten
unduldsam werden lassen. Alle diese Erfahrungen rechtfertigen aber gerade auch die Erprobung neuer Wege, um über Versuch und Irrtum der Freiwirtschafsschule neue Perspektiven zu eröffnen.
Als 1986 die
Mündener Gespräche aus der Taufe gehoben wurden, bekamen sie als Leitmotiv mit auf den Weg “Werbung um Sympathie und Vertrauen”, eine für herkömmliche freiwirtschaftliche Selbstdarstellung ungewöhnliche Aufgabe.
Deshalb sollen die “Mündener Gespräche” auch dem Zweck dienen, den Tagungsteilnehmern neben kontroverser Diskussion ein angenehm-menschliches Tagungsklima zu bieten. Das wird bis heute noch nicht ausnahmslos
von allen Tagungsteilnehmern so verstanden.
Der Kulturphilosoph Hermann Lübbe hat beobachtet: “In massenmedial integrierten modernen Gesellschaften mit ihren wachsenden Informations- und Bildungsständen wird
ideologische Besserwisserei, die immer recht gehabt und behalten möchte, zukunftslos.” Zukunftsfähigkeit, so Hermann Lübbe weiter, “schließt zugleich die Fähigkeit ein zu erkennen, was alt ist, aber unbeschadet
seines Alters nicht veraltet”. Diese Erkenntnisfähigkeit wiederum beruht auf Dialogfähigkeit, als einer Voraussetzung für einen “herrschaftsfreien Diskurs” (Jürgen Habermas).
Nur wer sich selbst in frage
stellen kann, wird die richtigen Fragen stellen können. Dialogfähigkeit ist ein Maßstab demokratischer Gesprächskultur und menschlicher Reife. Sie beruht in starkem Maße auf Selbstreflektion. Wir müssen sowohl über
uns selbst als auch über unsere ureigensten Anliegen reflektieren lernen. Mehr perspektivische Weite für die Freiwirtschaftstheorie wird der Lohn sein für ein gelebtes Klima der Offenheit.
Jeder ist zu den
Mündener Gesprächen herzlich eingeladen, der ihren Verhaltens-Kanon („Was spricht für die Mündener Gespräche?“- in dieser Homepage und jedem Einladungs-Faltblatt abgedruckt!) respektiert.
Ekkehard Lindner Oktober 2001, August 2003, Februar 2007
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Vollbeschäftigung - möglich oder nicht ? Von Horst Riedel
Am 6. April 2005
berichtete die Tagespresse in einer Meldung aus Berlin: Angesichts der Rekordarbeitslosigkeit hat der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz gefordert, "daß Unternehmen mit hohen Entlassungsraten auch höhere Beiträge
zur Arbeitslosenversicherung zahlen sollen, ... die Kosten der Arbeitslosigkeit sollten künftig besser auf die Verursacher verteilt werden."
Früher pflegte man bei Schwierigkeiten zu fragen: "Und
wer ist schuld daran?" Ein "Sündenbock" wurde dann immer schnell gefunden, die Ursache jedoch blieb bestehen. "Verursacher“ ist die neue Tarnbezeichnung für den "Schuldigen". Mit der
Frage nach diesem soll offenbar der Anschein von Ursachenforschung erweckt werden.
Doch: Wie kann Arbeitslosigkeit überhaupt entstehen ? - Ich sehe zwei Ursachen.
Arbeitslosigkeit kann von der
Geldseite hervorgerufen sein, wie z. B. in der sogenannten "Weltwirtschaftskrise" (1929/1933). Damals wurde die deutsche Volkswirtschaft unzureichend mit Zahlungsmitteln versorgt. Als Folge nahm die
Kaufkraft des Geldes zu. Alles wurde von Tag zu Tag billiger mit dem Erfolg, daß nur das Nötigste gekauft wurde. Man hätte ja am nächsten Tag mehr für sein Geld bekommen können.
Um solch eine Krise zu
vermeiden, trat John Maynard Keynes (18831-1946) für eine andauernde, leichte Vermehrung der Geldmenge durch die Zentralnotenbank ein. Er nahm den sich daraus ergebenden schleichenden Preisauftrieb in Kauf und
befürwortete Lohnerhöhungen, soweit diese mit Vollbeschäftigung vereinbar sind. Der stetige Preisauftrieb sollte den Umlauf des Geldes sichern, wie es früher bereits Silvio Gesell (1862-1930) vorgeschlagen
hatte, wenn auch in etwas anderer Form.
Auf diese Weise kann eine von der Geldseite hervorgerufene Arbeitslosigkeit gebannt werden, und so wird es bereits heute gemacht.
Die heutige Arbeitslosigkeit, die wir als eine strukturelle beklagen, hat als Ursache die Verfälschung des Arbeitsmarktes: Das Entgelt für die Arbeit (einschließlich Nebenkosten und darauf entfallende
Steuern) steigert die Kosten für alles was mit Arbeit verbunden ist auf eine Höhe, die mit Vollbeschäftigung unvereinbar ist. Um Verluste zu vermeiden, muß die verteuerte Arbeitskraft immer rationeller eingesetzt
werden.
Die heutige Arbeitslosigkeit ist also die Folge von Vatorisierung (Anhebung des Preises für Arbeit über den gleichgewichtigen Marktpreis hinaus). Der Arbeitsmarkt kann daher nicht mehr geräumt werden.
Darüber hinaus zieht dieser marktfremd überhöhte Preis Arbeitswillige aus aller Herren Länder an, die jedoch nach Möglichkeit dem Markt ferngehalten und als Billiglöhner verteufelt werden. Hiesige
Arbeitskräfte werden durch Kürzung der Tages-, Wochen- oder Lebensarbeitszeit zeitweise brach gelegt oder vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Und die Wenigen, die noch Arbeit finden, müssen alle Nichtarbeitenden
mit durchfüttern.
Am 22.9.2003 meldete die Tagespresse, daß die Arbeitslosenhilfe einen Zuschuß von 4,5 Mrd. Euro braucht, also Geld für Nichtarbeit
Diese sozialistisch und bürokratisch verfälschte
Marktwirtschaft bleibt hinter ihren Möglichkeiten zur Wertschöpfung zurück, ist sinnwidrig und unsozial.
Wohlstand läßt sich nur durch Arbeit schaffen. Arbeitslosigkeit ist ein Luxus, den wir uns nicht
leisten sollten!
-------- Horst Riedel, Dipl.-Volkswirt, U. d. Königsberg 1 a, 34385 Bad Karlshafen, Tel. 05672,1- 513, Fax 05672/921594. - Stand 2005-07-26
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Jörg Gude: Die wissenschaftliche Anerkennung der Freiwirtschaftslehre. Eine Besprechung zu Roland Wirth, Marktwirtschaft ohne Kapitalismus.
Eine Neubewertung der Freiwirtschaftslehre aus wirtschaftsethischer Sicht St.Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik 34, Haupt Verlag Bern, Stuttgart, Wien 2003,
32 Euro, ISBN 3-258-06683-3.
Studierte man die "Integrative Wirtschaftsethik" von Peter Ulrich (2. Aufl. Bern, Stuttgart, Wien 1998) mit dem Untertitel
"Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie", so musste den freiwirtlich geprägten Leser bekümmern, dass hier die lebensdienliche Befreiung des Wirtschaftens von den Monopolen Boden und Geld sowie die dem
Geldwesen innewohnenden Verschuldungs und Wachstumszwang ausgeblendet bleibt. Mit Roland Wirth hat dies jetzt ein Doktorand von Prof. Ulrich an der Universität St. Gallen aufgearbeitet, was hoffentlich künftig auch
in dessen Werken Einfluss gewinnt.
Die Saat, die Heinz-Peter Neumann und andere mit dem Entschluss, die Gesammelten Werke von Silvio Gesell durch Werner Onken und den Gauke-Verlag herauszugeben, gelegt
haben, hat hier erste erste Frucht getragen. Im Literaturverzeichnis der Dissertation von Wirth nimmt Gesell eine volle Seite ein. Die Arbeit beginnt mit dem Satz: "Gesells Theorie ist noch kaum aus neutraler
Sicht beurteilt worden" (S. 11 und endet mit der Hoffnung, "dass die Freiwirtschaftslehre künftig in der ökonomischen Theoriebildung und in der ordnungspolitischen Praxis eine grössere Rolle spielt"
(S. 186). Wirth bekennt: "Mittlerweile habe ich Dank der Beschäftigung mit der Freiwirtschaftslehre das Interesse und die Freude an volkswirtschaftlichen Fragen zurückgewonnen und bin wieder gerne Ökonom"
(S. 6). Diese Erfahrung ist auch anderen Ökonomen, die im Schatten der Neoklassik aufwuchsen und wie Wirth eine Orientierung im Dienst eines wahren humanistischen Fortschritts suchen, zu wünschen.
Wer die
Freiwirtschaftslehre bereits genügend kennt, sollte das Lesen auf S. 129 mit "Teil V: Die Freiwirtschaftslehre im geschichtlichen, philosophischen und ökonomischen Spiegel" beginnen. Hier wird sie aus der
Sicht des Autors behandelt und auf Einflüsse aus allen Richtungen hin untersucht. Dabei schreibt Wirth den Freiwirten und Silvio Gesell durchaus auch Kritisches ins Stammbuch, etwa zu Gesells Sozialdarwinismus. Bei
den heutigen Freiwirten sei dies jedoch kein befürwortetes Thema. Ebenso weist Wirth Vorwürfe aus selbsternannten Antifa-Kreisen zurück. Zu Recht wird die Freiwirtschaftslehre als eine um den Faktor Arbeit
zentrierte, also laboristische Wirtschaftstheorie eingeordnet, die "das Recht auf den vollen Arbeitsertrag" (Gesell) verwirklichen will. Proudhon als Vorläufer wird gewürdigt. Freiwirtschaft sei keine
Universallösung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme.
Teil III und IV der Arbeit widmen sich der Geld- bzw. Bodenreform. Im Gegensatz zur Geldreform sieht Wirth in der Bodenreform vor allem
technische Fragen noch als ungeklärt an und befürchtet bürokratische Lösungen. Die ökologische Steuerreform wird auch als weiterführender Ansatz betrachtet, doch werden Überlegungen von Fritz Andres und dem Seminar
für freiheitliche Ordnung in Bad Boll hierzu nicht zur Kenntnis genommen. Es ist auch bemerkenswert, dass zwar die Zeitschrift für Sozialökonomie als wichtiges Forum anerkannt wird, aber einschlägige
Veröffentlichungen dort nicht zitiert werden. Freiwirtschaft heute wird auf einige wenige Köpfe wie Creutz, Senf, Kennedy, Rosenberger, Lietaer, Onken sowie den bereits verstorbenen Prof. Suhr reduziert.
Als
Vorstufe zu der in Teil III behandelten Geldreform ist in Teil II bereits die freiwirtschaftliche Kritik am kapitalistischen Zinssystem dargestellt worden. Fehler in der Darstellung und dem Verständnis der
Freiwirtschaft, wie Gleichsetzung von Freigeld mit Inflation, unterlaufen Wirth dabei nicht. Vor allem die Auseinandersetzung mit der Zinserklärung von Böhm-Bawerk ist lesenswert und gelungen.
In Teil I legt
der Autor dar, dass er die Freiwirtschaftslehre in einem normativen Bezugsrahmen der liberalen Bürgergesellschaft untersucht, sicherlich Referenz auch gegenüber seinem Doktorvater und dessen integrativer Ethik. Es
stellt sich deshalb die Frage, ob die positive Würdigung der Freiwirtschaft durch die Wahl dieser Bezugsgrundlage erleichtert oder ermöglicht wurde oder ob sie sich auch von einem anderen Standpunkt aus ergeben
würde.
In der Bürgergesellschaft sei das Kapital institutionell neutralisiert, was einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus entspreche(S. 184). Den Verteilungsgerechtigkeits- gesichtspunkt sieht Wirth ohne
weiteres staatliches Eingreifen auch in einer freiwirtschaftlichen Ordnung nicht als gewährleistet an. Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls würde er jedoch gerne zumindest um die Neutralisierung des Geldes
ergänzt sehen. Jetzt ist die Freiwirtschaftslehre nicht nur Gegenstand einer Doktorarbeit, sondern auch als hilfreich und zielführend anerkannt worden.
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Gerechtigkeit in der Wirtschaft
Die Ökonomie sowohl als reales System wie auch als ein auf dieses System bezogene Wissenschaft ist auf Effizienz ausgerichtet; Gerechtigkeit spielt nur in verkürzter Perspektive – als
Tauschgerechtigkeit im Sinne der Wertgleichheit von Leistung und Gegenleistung und als Gewährleistung rechtlicher Verfahren – eine systematische Rolle. Andere Aspekte von Gerechtigkeit, wie die austeilende
(distributive) und die umverteilende (redistributive) Gerechtigkeit führen dagegen in der Wirtschaft(swissenschaft) eher ein Schattendasein. Aber es sind gerade solche Facetten des Gerechtigkeitsbegriffs, die auch
heute noch die Menschen ganz entscheidend bewegen und bestimmen. Eine mit über 50 Teilnehmern gut besuchte Tagung „Gerechtigkeit in der Wirtschaft – Quadratur des
Kreises?“ an der Evangelischen Akademie Hofgeismar vom 12.–14. November 2004 widmete sich daher genau diesen Spannungen, die sich theoretisch und praktisch aus den verschiedenen, oftmals
nahezu entgegengesetzten Aspekten dieses Begriffs ergeben. Die Tagung wurde vorbereitet und geleitet von Studienleiter Assessor Michael Goldbach (Hofgeismar) und Professor Dr. Hans G. Nutzinger (FB 07, Universität Kassel) in Kooperation mit der „
Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft“ (SG) und den „Christen für gerechte Wirtschaftsordnung“ (CGW).
Die Reihe der Vorträge wurde eröffnet von Prof. Dr. Stephan Panther (Universität Flensburg), der über „Gerechtigkeit als Kriterium der Wirtschaftswissenschaft“ vortrug und die Relevanz der Gerechtigkeitsfrage auch für die moderne Wirtschaft(swissenschaft) nachwies. Aus theologischer Sicht wurde die Gerechtigkeitsfrage beleuchtet von Dr. Jochen Gerlach (ev. Pfarrer in Wabern) und von Dr. Thomas Ruster (kath. Professor für
Systematische Theologie, Universität Dortmund). Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede im Hinblick auf den Geltungsanspruch biblischer Aussagen für die Gestaltung von Wirtschaftsordnungen. Gerlach sah ihn, hierin
übereinstimmend mit den Gründervätern der Sozialen Marktwirtschaft, im Sinne einer regulativen Ordnungsidee; Ruster dagegen trat dafür ein, das autonomisierte Funktionssystem Wirtschaft aus der Perspektive von Tora
und Talmud zu sichten und sich kritisch zu ihm zu verhalten.
Einen dogmenhistorischen Überblick über den Gerechtigkeitsgedanken mit dem Schwerpunkt von Silvio Gesells „Natürlicher Wirtschaftsordnung“
lieferte Professor Dr. Gerhard Senft von der Wirtschaftsuniversität Wien; vor allem das Geld- und Bodenmonopol ist hier ein wesentlicher Grund für Funktions- und Gerechtigkeitsdefizite der Wirtschaft. Im aktuellen Streit zwischen dem traditionellen kapitalorientierten System der vorgelagerten Einkommensbesteuerung und dem stärker vordringenden System der verbrauchsorientierten nachgelagerten Besteuerung sah dann Professor Dr. Dirk Löhr (Fachhochschule Trier) nur geringe Chancen, Gerechtigkeitsaspekte in einem umfassenden Sinne einzubringen. Als „zweitbeste Lösung“ empfahl er eine nachgelagerte Verbrauchsbesteuerung mit progressivem Steuersatz.
Der Bremer Jurist und Philosoph Prof. Dr. Felix Ekardt beleuchtete aus der Sicht beider Disziplinen Nachhaltigkeit als intergenerationelle Gerechtigkeit und sah gute Chancen, einen universalisierbaren Gerechtigkeitsbegriff zum Ausgangspunkt der Nachhaltigkeit (zwischen Generationen, aber auch im Verhältnis der Länder des Nordens zu denen des Südens) zu machen. Das blieb in den anschließenden Arbeitsgruppen- und Plenumsdiskussionen nicht unwidersprochen. In einer abschließenden Podiums- und Plenumsrunde, moderiert von Hans Nutzinger, wurde noch einmal zusammenfassend die Bedeutung von Gerechtigkeit im Spannungsfeld zwischen einer allgemeinen Leitidee und einer konkreten
Handlungsanweisung erörtert.
Abgerundet wurde das umfangreiche Tagungsprogramm durch einen Gottesdienst (Dr. Jochen Gerlach), eine Andacht (Michael Goldbach) und einen sehr anregenden Musikabend „Von Paris
bis Havanna“, bei dem Urban Beyer (Kassel) Barmusik verschiedener Länder und Zeiten am Klavier und mit Gesang vortrug. Um die anregenden und anspruchsvollen Vorträge und Diskussionen einem breiteren
Interessentenkreis zugänglich zu machen, ist eine Tagungspublikation im Herbst 2005 im Metropolis Verlag Marburg fest vereinbart.
Hans G. Nutzinger
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