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Christian Böttcher:
Fundamentalismus und politisches Handeln

1  Zum Begriff

Die Fundamentalismus-Thematik ist nicht erst seit dem 11. September 2001 ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit geraten. Bereits um 1979 wurde die westliche Welt durch eine politische Entwicklung verunsichert, die mit fundamentalistischem Denken in engem Zusammenhang steht. Im Iran wurde die Willkürherrschaft des Schah ersetzt durch ein nicht minder gewalttätiges Regime einer geistlichtheokratischen Führungselite. Diese billigte und unterstützte eine über einjährige Geiselnahme US-amerikanischer Botschaftsangehöriger durch islamistische Studentengruppen. Nur wenige Jahre nach dem Vietnamkrieg erlitten die USA wiederum einen schweren außenpolitischen Gesichtsverlust, welcher sich durch einen missglückten Befreiungsversuch noch verstärkte. Es schien, als ob sich neben bürgerlicher Demokratie und Kommunismus noch eine dritte ideologische Macht etablierte.

Der Fundamentalismus-Begriff ist aber älter und war ursprünglich nur Bezeichnung für eine radikale protestantische Strömung in Nordamerika, welche Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Die zentrale Publikation dieser Bewegung war die Schriftenreihe "The Fundamentals of Truth", an deren Namen sich auch der Begriff anlehnt. "The Fundamentals" richtete sich gegen die moderne Theologie und andere Wissenschaft, die angeblich der Bibel widersprachen.

Insbesondere die Evolutionstheorie geriet ins Kreuzfeuer der Biblizisten und es gab zahlreiche Versuche, sie aus den Schulen zu verbannen. Weltweit Aufsehen erregte 1925 der so genannte Affenprozess in Dayton/Tennessee. Ein Biologielehrer wurde angeklagt, weil er im Unterricht die Evolutionstheorie vorgestellt hatte, was nach den Schulgesetzen von Tennessee verboten war. Juristisch wurde der Prozess von den Fundamentalisten zwar gewonnen. Dieser Sieg war aber praktisch eine Blamage für die Kläger, weil der Lehrer nur zu einer minimalen Geldstrafe verurteilt wurde. Infolgedessen zogen sich die Bibelfundamentalisten für einige Jahrzehnte aus der Politik zurück in ihr eigenes Terrain. Dieses allerdings bauten sie zu einer beachtlichen Basis aus, was Medien und Bildungsanstalten betrifft. Und als in den siebziger Jahren die US-Abtreibungsgesetze liberalisiert wurden, konnten sie umso wirksamer wieder an die politische Öffentlichkeit treten. Folglich ist Fundamentalismus also nicht nur Bezeichnung für eine religiöse Haltung. Er ist nicht rein defensiv.

Dies unterscheidet ihn von Orthodoxie und Traditionalismus. So haben die Amish-People, ein Ableger der mennonitischen Freikirche, zwar ebenfalls ein strikt wörtliches Bibelverständnis. Sie haben aber kein Interesse daran, auf die Politik Einfluss zu nehmen, und schaffen sich lediglich geschützte Räume für ihr Glaubensleben. Dies äußert sich nicht zuletzt in ihren besonders in Philadelphia verbreiteten Kolonien, die sie gegen moderne Technik möglichst abzuschotten versuchen. Somit wären die Amish-People als typische Traditionalisten einzustufen, während die politisch sehr aktive "Christian Coalition" eine der stärksten fundamentalistischen Organisationen in den USA darstellt. Fundamentalisten wollen also aktiv, um nicht zu sagen offensiv, auf Politik und Gesellschaft einwirken, während Traditionalisten sich von subjektiv schädlichen Einflüssen der modernen Welt abzugrenzen versuchen. Und es meistens bei der Abgrenzung belassen.

Wir assoziieren mit dem Begriff Fundamentalismus also zunächst Religion und betrachten ihn als ein in erster Linie religiöses Phänomen. Zweifellos gibt es aber auch im nichtreligiösen Denken Parallelen zur Argumentationsweise iranischer Mullahs oder militanter Abtreibungsgegner.

In Deutschland wurden mit "Fundamentalismus" zeitweilig ja auch profane und einstweilen belächelte ideologische Erscheinungen benannt. Die Partei der "Grünen" teilte man ein in einen "Fundi"- und einen "Realo"-Flügel. Zum einen zeigt sich hier ein nichtreligiöser Kontext des Fundamentalismus-Begriffs. Zum anderen wirft der Dualismus "Fundis versus Realos" nochmals die Frage auf, wogegen sich der Fundamentalismus eigentlich richtet. Haben alle Fundamentalismen, religiöse wie nichtreligiöse, einen gemeinsamen Gegner? Der wohl bekannteste deutsche Analytiker des Fundamentalismus-Phänomens, Thomas Meyer, bezeichnet dieses als einen Aufstand gegen die Moderne. Aber gibt es nicht auch fundamentalistische Ideologien, die zukunftsorientiert anstatt reaktionär sind? Fundamentalisten stehen, dem letztgenannten Begriffspaar zufolge, in Konkurrenz zu Realpolitikern. Und ebenso wie manche radikalen Christen scheinen sich Teile der Ökobewegung mit realen Erkenntnissen und Gegebenheiten nicht abfinden zu können.

Als Wesensmerkmale vorerst nur des religiösen Fundamentalismus halte ich fürs erste fest:
- Wortwörtliches Verständnis heiliger Schriften.
- Kompromissloses Festhalten an Dogmen.
- Abwehr gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, die diesen Dogmen widersprechen.
- Ablehnung humanistischer und individualistischer Ethik, soweit sie nicht mit religiösen Dogmen übereinstimmt.

Areligiöse Formen des Fundamentalismus berufen sich zwar nicht auf göttliche Offenbarungen, sind aber von ihrem Selbstverständnis, ihren Heils- und Unfehlbarkeitsansprüchen her ähnlich.

2  Nichtreligiöser Fundamentalismus

Zu Zeiten der deutschen Teilung musste man als Bundesbürger vorsichtig im Sprachgebrauch sein, wenn man in die DDR reiste. Wer von Berlin-West nach Berlin-Ost fuhr, durfte am Grenzübergang auf keinen Fall sagen, dass er nach "Ostberlin" wolle. Denn es gab im SED-Weltbild offiziell ja nur "Westberlin" und "Berlin – die Hauptstadt der DDR." Die Feststellung des verwunderten Grenzgängers, dass es, wenn es ein Westberlin gäbe, auch ein Ostberlin geben müsse, ließen die DDR-Kontrollposten nicht gelten, ebenso wenig den Hinweis des Reisenden auf seinen Autokompass, nach dem er sich eindeutig in östlicher Richtung bewege. Die DDR wollte der Tatsache nicht ins Auge sehen, dass ihre Hauptstadt nur eine Halbstadt war. Das Nichtwahrhabenwollen selbst einfacher geographischer Realitäten ist eine typisch fundamentalistische Haltung. Mag dies heute ein Schmunzeln auslösen, so kann die Tragweite des Ableugnens von Tatsachen mitunter verheerend sein. Wenn Neonazis den Völkermord an Juden als nie geschehen hinstellen, implizieren sie damit zwei Schlussfolgerungen: "Also war der Nationalsozialismus human und sollte wieder aufleben." Die zweite, meistens heimlich propagierte Folgerung: "Der Holocaust hat nie stattgefunden, also muss er nachgeholt werden." Gesetzliche Verbote helfen da nicht, da sie die Vertreter solcher Thesen in dem Glauben bestärken, dass an ihnen was dran sein muss.

Innerhalb von Mauer- und Stacheldrahtgrenzen war also alles gut, außerhalb alles schlecht. Und außen lauerte ein aggressiver Feind, der die heile Welt nur zerstören wollte. Dies war der Fundamentalismus eines atheistischen Staates.

3  Reaktionärer und utopischer Fundamentalismus

Fundamentalismus wird allgemein mit rückwärtsgewandten Ideologien assoziiert und als gegen die Moderne gerichtet eingeschätzt. Dies liegt wohl daran, dass wir mit diesem Begriff zunächst religiöse Wurzeln verbinden. Und die meisten Weltreligionen sind ja im Altertum entstanden. Betrachten wir jedoch den Lebensstil heutiger Fundamentalisten, fällt uns nicht unbedingt eine Feindlichkeit gegenüber moderner Technik ins Auge. Moderne Kommunikationstechnologien werden, sofern sie der Verbreitung fundamentalistischer Ideen dienlich sind, bereitwillig genutzt. Dies unterscheidet sie wie gesagt von den Traditionalisten, welche grundich alle Erscheinungen der Moderne skeptisch beurteilen und diese nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung adaptieren.

Einige Fundamentalisten wollen auch gar keine alten Glaubenssätze verteidigen oder althergebrachte Gesellschaftsformen wieder errichten, sondern im Gegenteil utopische Ideen realisieren. Der Marxismus etwa und seine orthodoxen Vertreter wollen dies heute noch, obwohl ihr Glaube an den Kommunismus auf Außenstehende eher prähistorisch wirkt, ähnlich überholt wie der wörtliche Glaube an den biblischen Schöpfungsbericht. Trotzdem sagen viele Neomarxisten, der wahre Sozialismus sei in Wirklichkeit nie aufgebaut worden, auch und gerade nicht in den früheren Ostblockländern.
Ein weiteres Beispiel für utopischen Fundamentalismus ist der Nationalsozialismus. Er hatte zwar einige archaische geistige Wurzeln wie Germanentum und nordisch-okkulte Mystik, strebte aber eine nie da gewesene Gesellschaft an, an deren Spitze biologische "Übermenschen" herrschen sollten. Norman Spinrad schildert in seiner Satire "Der stählerne Traum", wie Hitler sich als Science-Fiction-Autor betätigt und in seinen Romanen ein Universum voller minderwertiger und abstoßender Exoterristen beschreibt, gegen die sich die Erde unbedingt schützen müsse. Eine fundamentalistische Sekte der Gegenwart, "Scientology", ist wohl nicht zufällig von einem Autor utopischer Romane gegründet worden. Auch Ron Hubbard schwebt ein Übermensch vor – nicht in biologischer, sondern in mental-intellektueller Hinsicht. Fundamentalistisch ist Scientology im Hinblick auf ihren Absolutheitsanspruch sowie auf ihr damit verbundenes Ziel, totale Macht und Kontrolle in Wirtschaft und Politik zu erlangen.

Fundamentalismus bedeutet also nicht notwendig rückwärtsgewandtes Denken. Der Fundamentalismus bedient sich der Errungenschaften der Moderne. Wenn auch nur solcher Errungenschaften, die sich für seine Ideologien instrumentalisieren lassen. Zudem bedeutet Fundamentalismus nicht nur das Festhalten an überkommenen, sondern auch das Streben nach Realisierung neuentwickelter Lehren. Fundamentalismus ist also nicht einfach nur eine Abwehr gegen die Moderne, wie gemeinhin angenommen wird. Es ist daher nochmals zu fragen, ob die unterschiedlichen fundamentalistischen Ideologien einen anderen gemeinsamen Gegner und eine gemeinsame Ursache haben.

4  Fundamentalismus – gegen Moderne?

Nach Jürgen Habermas ist die Moderne die erste Kulturepoche, die ihr Selbstbewusstsein und ihre Norm aus sich selbst heraus schöpfen muss. Thomas Meyer bezeichnet den metaphysischen Heimatverlust der Neuzeit als den Preis, den wir für Offenheit zahlen mussten. [Meyer, Thomas; Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. Hamburg 1989. S. 22.] Das Prinzip der Geborgenheit sei durch das der Offenheit ersetzt worden. Nun gab es geistige Gegenströmungen zu Aufklärung und Moderne bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Sturm und Drang, Romantik, Naturalismus, Lebensreform- und Jugendbewegung sowie den Nationalsozialismus. Jede dieser Strömungen war in gewissem Maße zivilisationsfeindlich oder zumindest sehr skeptisch gegenüber Umwälzungen der Neuzeit. Die spätestens mit dem Ersten Weltkrieg einsetzende Krise des modernen Vernunftglaubens wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweilig überlagert durch den Wirtschaftsboom der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Mit dem Beginn der Studentenrevolten in den westlichen Ländern machte sie sich wieder bemerkbar. Die konstruktiven und fruchtbaren Wirkungen der Moderne auf Demokratie und Gleichberechtigung sind nicht zu verkennen. Sie blieben aber bisher weitgehend auf den "reichen Norden" beschränkt. Im "armen Süden" herrschen die destruktiven Wirkungen vor. Dennoch reicht das Nord-Süd-Gefälle als Erklärung für das Erstarken des Fundamentalismus nicht aus, zumal dieser nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in der führenden westlichen Na-tion eine politisch relevante Kraft ist: in den USA. Und dort erhält er Zulauf nicht aus unteren sozialen Schichten, sondern aus dem gehobenen Mittelstand. Zwar hat das Christentum auch in den ärmeren, insbesondere den farbigen, Bevölkerungsschichten noch einen festen Platz. Dort aber ist eher eine sozial orientierte Herzensfrömmigkeit zu beobachten als die für die weiße Mittelschicht typische Buchstabenfrömmigkeit. Der Bibelfundamentalismus nordamerikanischer Prägung wehrt sich vor allem gegen vermeintlichen und tatsächlichen kulturellen Werteverfall. Dieser folgt nach Auffassung der Fundamentalisten aus dem Bedeutungsverlust des christlichen Glaubens in der westlich-abendländischen Hemisphäre.

Beim islamischen Fundamentalismus kommt hinzu, dass er den westlichen Lebensstil als Fremdkörper und damit als Unterminierung der islamisch-orientalischen Kultur empfindet. Es gab im 20. Jahrhundert in islamischen Ländern viele Versuche, Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft nach westlichem Vorbild zu modernisieren. Neben der Türkei unter Kemal Atatürk ist der Iran unter seinem letzten Schah Resa Pahlewi ein bekanntes Exempel. Alphabetisierung und Industrialisierung unter anderem veränderten die Struktur Persiens grundlegend. Diese sogenannte Weiße Revolution führte zwar zur Bildung neuer privilegierter Schichten. Traditionelle Schichten aber waren, zumindest wirtschaftlich, die Verlierer solcher Politik, weshalb diese Schichten auch nicht die neuen kulturellen Freiheiten zu schätzen wussten. Zudem führte ein brutales Vorgehen gegen jegliche – insbesondere islamistische – Opposition dazu, dass Verwestlichung und Modernisierung von vielen Iranern mit Unterdrückung des Islam gleichgesetzt wurden.

Der Fundamentalismus greift nach eigenem Verständnis nicht die Moderne an sich an, sondern Defizite und eine angebliche Dekadenz der Moderne. Und fundamentalistische Kräfte werden auch nicht vorrangig durch wirtschaftliche und soziale Nöte begünstigt, sondern durch kulturelle und ethische Degenerationserscheinungen. Sozialökonomische Krisen können diesen Effekt allerdings erheblich verstärken. Wenn Fundamentalisten aber ökonomische Missstände aufgreifen, dann geht es ihnen nur vordergründig um die Beseitigung derselben. Sie sehen in ihnen lediglich Symptome für die Funktionsschwächen moderner, pluralistischer Gesellschaften.

Für diese Degeneration sind nach Ansicht der Fundamentalisten, ob religiös oder atheistisch, ob rückwärtsgewandt oder utopisch, zwei Errungenschaften der Moderne verantwortlich: Gleichberechtigung unterschiedlicher Interessen und Wertepluralismus. Fundamentalisten wollen, im Unterschied zu Traditionalisten, sich nicht nur gegen Pluralismus abschirmen, sondern ihn, auch außerhalb ihres eigenen Lagers, zurückdrängen. Der gemeinsame Feind der Fundamentalisten ist, in Anlehnung an Karl Poppers Hauptwerk, die "offene Gesellschaft". Und ihr stärkster Bremsklotz ist die komplexe Realität, welche von den Fundamentalisten ignoriert und wegdiskutiert wird, wo sie ihren Lehren widerspricht.

Es ist nunmehr zu fragen, ob der Fundamentalismus eine Existenzberechtigung hat und worin seine eigentliche Gefahr liegt.

5  Fundamentalismus und offene Gesellschaften

Die negativen Erscheinungen des Fundamentalismus sind offensichtlich: Terrorismus, staatliche Repressionen in fundamentalistisch regierten Staaten, Unterdrückung von Glaubens- und Meinungsfreiheit, Unterminierung demokratischer Gesellschaften durch fundamentalistische Gruppierungen. Wie reagieren moderne Demo-kratien auf die Herausforderung durch den Fundamentalismus? Einige Beispiele aus der Bundesrepublik Deutschland zeugen von einem Schwanken zwischen naivem Entgegenkommen und Überreaktion. Im Herbst 2001 wurde die türkische Kalifstaatsbewegung verboten. Diese Gruppe hatte aus ihrer Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten auch nie einen Hehl gemacht. Andererseits führen Massenmedien, Kirchen und Behörden einen oft arglosen Dialog mit fragwürdigen islamischen Organisationen wie Mili Görüs und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Im selben Zeitraum wurden Schüler, die der mennonitischen Freikirche angehörten, von einer evangelischen (!) Schule in Nordrhein-Westfalen verwiesen. Sie hatten auf Wunsch ihrer Eltern Unterrichtsinhalte und schulische Veranstaltungen boykottiert, welche ihrer Glaubenshaltung widersprachen: Sexualkunde, Evolution, Klassenfahrten usw. Im Frühjahr 2002 sorgte eine christlich-missionarische Broschüre in deutschen Medien für einen Sturm im Wasser-glas. Obwohl das Büchlein "Kraft zum Leben" nichts weiter enthielt als moderate evangelikale Theologie, vermuteten manche hinter ihr die amerikanische "Radical Religious Right" und warnten vor "christlichen Taliban-Milizen". Dagegen wird mit der Islamischen Republik Iran ein höflicher "kritischer Dialog" gepflegt – trotz der dortigen Unterdrückung liberaler Opposition und der Unterstützung des Iran für Terroristen der Hamas und Hisbollah. Ob die durchaus erfreulichen Ansätze innenpolitischer Lockerung im Iran auf diese Weise gefördert werden, sei hier mal dahingestellt.

Karl Poppers Toleranzparadoxon eignet sich nach wie vor als Orientierungshilfe für ein angemessenes Verhalten gegenüber Fundamentalisten. Seine Maxime, die Intoleranz nicht zu tolerieren, müsste nur präzisiert werden: Intoleranz ist genau dann nicht mehr zu tolerieren, wenn dies die Toleranz gefährdet. Ein Dialog mit Fundamentalisten ist deshalb schwer, weil diese spezielle Argumentations- und rhetorische Vernebelungstaktiken anwenden, mit der sie sich gegen kritisches Hinterfragen abschirmen.-
[Empfehlenswert: Schleicher, Hubert; Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zu subversivem Denken. München 2001.] Ob nun ein Erich Honecker sagte, US-Atomraketen seien schlimmer als DDR-Selbstschussanlagen, oder ob Neonazis darauf "hinweisen", Konzentrationslager hätte es auch schon bei den Briten gegeben. Wenn Christen auf ihre gegenwärtige Diskriminierung in vielen islamischen Ländern zu sprechen kommen, kontern Muslime typischerweise mit Kreuzzügen und Inquisition im Mittelalter. Der ZMD proklamierte auf Anfragen zu seinem Demokratieverständnis, er strebe keinen "klerikalen Gottesstaat" an. Eine nichtssagende Formulierung, da der Islam ohnehin keinen Klerus kennt.

Um dem Fundamentalismus fair, aber wirksam zu begegnen, sind in erster Linie also keine gesetzlichen und administrativen Sanktionen er-forderlich. Es sind vielmehr die allen Fundamentalisten gemeinsamen Taktiken und Rhetorikmuster aufzudecken und einer breiten Öffent-lichkeit deutlich zu machen. Der "Auschwitzlüge" etwa kann ihre schädliche Wirkung besser durch sachliche und fundierte Widerlegung genommen werden als durch Verbote. Und die hartnäckigsten Leugner werden durch Strafgesetze ohnehin eher bestärkt. Angesichts dessen, dass der propagandistische Hauptvorwurf der Fundamentalisten gegen offene Gesellschaften deren angebliche Werte- und Moraldefizite sind, stellt sich jetzt die Frage nach einem möglichen Gegengewicht. Die Werte, durch die eine bürgerliche Gesellschaft getragen und legitimiert wird, lassen sich unter dem Begriff Zivilreligion zusammenfassen. Einige Facetten der bundesdeutschen Zivilreligion sind: die freiheitliche demokratische Grundordnung; die in der Präambel des Grundgesetzes postulierte "Vollendung" der Einheit Deutschlands und die Standortbestimmung zur jüngeren deutschen Geschichte. Bezüglich des sozialen Klimas sind nach dem Ende der Wirtschaftswunderjahre und Ludwig Erhards "Wohlstand für alle" keine konsensfähigen Wertfundamente mehr entstanden. Deutschland gilt heute weithin als Heimat sozialer Kälte und zwischenmenschlicher Indifferenz. Ist eine solche Zivilreligion imstande, die derzeitige Werte- und Sinnkrise zu überstehen? Dass eine Zivilreligion aus Krisen und Angriffen von außen auch gestärkt hervorgehen kann, zeigte sich nach dem Höhepunkt des westdeutschen Terrorismus im Jahr 1977. In der jüngeren Generation, genauer gesagt in der so genannten Achtundsiebziger-Generation, machte sich seinerzeit und in den Folgejahren eine zunehmende Identifizierung mit dem politischen System der Bundesrepublik bemerkbar. Die anfängliche scheinbare Ohnmacht des Rechtsstaates führte zu einer aktiv staatsbejahenden Haltung in weiten Teilen der Heranwachsenden – im Unterschied zu den Achtundsechzigern, die, sofern politisch aktiv, überwiegend systemkritisch eingestellt waren.

Ob Deutschland aber einen Anschlag von der Größenordnung des 11. September ohne langanhaltende moralische Lähmung verkraften würde, ist fraglich. Eine, erbauliche, den Widerstandsgeist belebende Nationaltrauer wie damals in den USA wäre hier schwer vorstellbar. Jürgen Habermas hat kurz nach den Anschlägen in einer Rede in der Frankfurter Paulskirche
[Anlässlich seiner Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 14.10.2001. Vgl. "Die Welt" vom 15.10.2001, S. 28/29.] die hohe Religiosität des amerikanischen Patriotismus wohlwollend erwähnt. Demgegenüber sei ein einseitiger Wissenschafts- und Vernunftglaube "schlechte Philosophie". [Vgl. Kamann, Matthias; Die neue Sicht auf die Religion, in: "Die Welt" vom 16.10.2001.]

Ist diese schlechte Philosophie nun Folge oder Ursache des Werteverfalls westlicher Kulturen? Die westliche Werteerosion ist sicher nicht zuletzt in einem materialistischen Konsumdenken begründet und dieses wiederum in jenem  Kosten-Nutzen-Prinzip, das in der neuzeitlichen Wirtschaft dominiert.

6  Fundamentalismus und Globalisierung

Die Dominanz multinationaler Konzerne und ihrer Produkte schafft eine weltweite Vereinheitlichung der Konsum- und Alltagskultur. Der amerikanische Politologe Benjamin Barber legt das sehr anschaulich in seinem Buch "Coca Cola und heiliger Krieg. Jihad versus McWorld" dar. [Untertitel: Der grundlegende Konflikt unserer Zeit. Bern, München, Wien. Ergänzte Neuauflage 2001.] Sowohl materielle Güter als auch Medienerzeugnisse, die im Westen produziert werden, sind massiv in die Lebenswelten anderer Kulturen eingedrungen. Nicht nur das, sie nivellieren auch die kulturellen Unterschiede zwischen den westlichen Ländern selber.

Fördert dies fundamentalistische Kräfte? Man mag als Gegenbeispiel einwenden, dass sich die "Radical Religious Right" in den USA ja nicht gegen Kapitalismus und Amerikanismus richtet. Bekanntlich haben radikale US-Christen sogar eine positive Haltung zu kapitalistischem Erfolgsdenken und Hurrapatriotismus. Dennoch ist die Wertekrise in Europa und Nordamerika in engem Zusammenhang mit der Globalisierung und Oligopolisierung der Weltwirtschaft zu sehen: der Drang der Produzenten nach Auslagerung in Low-cost-Länder einerseits und die Neigung der Konsumenten zu den billigsten internationalen Produkten andererseits. Dies verschlechtert die Konkurrenzfähigkeit regionaler und kulturell eigenständiger Wirtschaftszweige. Zudem bedenklich ist, dass sich mit westlichen Wirtschaftsethos keineswegs in gleichem Maße politische Freiheiten ausbreiten. Dies widerspricht den Apologeten des Kapitalismus, welche in diesem den besten wirtschaftlichen Garanten für Demokratie sehen.

Was macht Kritik am Kapitalismus heute so schwer? Den Gegnern des Kapitalismus wird unterstellt, Gegner eines freien Wettbewerbs und Befürworter staatlicher Überregulierung zu sein. Und die freie Marktwirtschaft ist scheinbar die einzige dauerhaft effiziente Wirtschaftsform – trotz ihrer gravierenden Schwächen.

Der diesem Aufsatz zugrunde liegende Vortrag wurde auf einer Tagung zum Thema Ideologien gehalten.
[31. Mündener Gespräche in Hannoversch Münden am 22./ 23.03.2002.] Und der Kapitalismus ist eine Ideologie oder eine "Megaphilosophie", wie es der Philosoph Joachim Koch ausdrückt. [Koch, Joachim; Megaphilosophie. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie. Frankfurt/M., Wien, Zürich 2002.] Und zwar ist sie die erste Ideologie, die ihren Ursprung nicht in heiligen Schriften oder auf Schreibpulten von Gelehrten hat. Sie wurde hergeleitet aus scheinbaren, in sich schlüssigen, ökonomischen Notwendigkeiten. Hierin liegt ein weiteres Dilemma heutiger Kapitalismuskritik: sie greift eine Ideologie an, die keine Normen setzt, sondern nur zweckrational ist. Sowohl der Kapitalist als auch sein Kritiker sind unweigerlich in die Logik des Marktes eingebunden.

Nicht die Marktwirtschaft an sich ist also abzuschaffen, sondern ihre mono- und oligopolistische Vermachtung ist zu überwinden. Der einzige Ausweg aus dem letztgenannten Dilemma liegt in der Frage, ob überhaupt ein Markt mit humaneren Funktionsabläufen möglich ist. Eine Erörterung dieser sowie der Frage, ob ein humanerer Markt dem heutigen Ethikmangel und damit dem Fundamentalismus entgegenwirken könnte, würde den Rahmen dieses Aufsatzes allerdings sprengen. Neben der Globalisierung ist es ja auch die Spaßgesellschaft, welche immer neue Kaufanreize und neue Produkte zu schaffen gezwungen ist. Die Spaßgesellschaft macht den modernen Menschen in ethisch-moralischem Denken noch passiver.

7  Fundamentalismus und Freiwirtschaft

Ist die Idee der Freiwirtschaft, also einer Marktwirtschaft und Demokratie ohne Kapitalismus, eine Ideologie wie der Kapitalismus? Vielleicht sogar eine fundamentalistische – im Gegensatz zum scheinbar auf Vernunft basierenden herrschenden Wirtschaftssystem? Das äußere Erscheinungsbild der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreformbewegung gab bei oberflächlicher Betrachtung seit jeher Anlass zu solcher Einschätzung. Der missionarische Bekehrungseifer vieler ihrer Anhänger, verbunden mit einer oft verworrenen Mischung aus wissenschaftlicher und okkultmystischer Argumentation, führte in der Vergangenheit tatsächlich zu vorschnellen Negativurteilen, zumindest bei solchen Betrachtern, die auf der Suche nach sachlich ernstzunehmenden und praktisch realisierbaren Lösungen waren. Die früheren Querverbindungen des Freiwirtschaftsgedankens mit völkisch-germanischen Visionen taten dann oft noch ihr übriges. Nun standen Geld- und Bodenreformer in Vergangenheit und Gegenwart vielfach in Verbindung mit lebensreformerischen und esoterischen Denkrichtungen. Ohne die positiven Effekte durch und auf derartige Kreise ignorieren zu wollen, muss doch klargestellt werden, dass das Modell der natürlichen Wirtschaftsordnung nach seinem theoretischen Kern zu beurteilen ist und nicht nach seinem zum Teil esoterisch beeinflussten Umfeld, wenn auch die Ideen Silvio Gesells per se dazu verleiten könnten, alle Krisen aus einem Prinzip heraus zu erklären – eine Denkweise, die wiederum für Fundamentalisten typisch ist.

Gegen einen fundamentalistischen Charakter der Freiwirtschaftsidee spricht ihre im Kern rationale Argumentation. Diese Rationalität ermöglicht eine gewisse Ideologieresistenz und Verifizierbarkeit. Stellt jemand die Seriosität des Freiwirtschaftsmodells generell in Frage, bleiben für dessen Anhänger kaum rhetorische Hintertüren offen, sondern sie müssen auf der Sachebene bleiben und ihren dortigen Standort festigen und ausbauen. Die Analogie des Modells zu natürlichen Kreisläufen könnte es für Gaia-Hypothetiker und Gralsbotschaftsverkünder attraktiv machen. Abgesehen davon lassen sich im Grunde bei allen herkömmlichen Ideologien Schnittstellen zur Freiwirtschaft finden: Sozialdemokraten wollen wie Freiwirtschaftler eine gerechtere Vermögensverteilung; mit Liberalen verbindet sie der Wunsch nach einem schlanken Staat usw. Auch den drei monotheistischen Weltreligionen kommt der Freiwirtschaftsgedanke entgegen bzw. kann durch diese befruchtet werden. Wobei die Bibel weniger die Rolle eines starren Gesetzesbuches spielt, als vielmehr aus ihren tiefsinnigeren Anregungen zum Umgang mit Geld und Boden heraus zu verstehen ist. Bei aller teilweisen Verwurzelung in Überlieferungen ist die Freiwirtschaftsidee keineswegs traditionalistisch (etwa in Form einer Neigung zu ständestaatlichen Vorstellungen) oder zivilisationsfeindlich. Sie erstrebt im Gegenteil eine offene bürgerliche Gesellschaft mit Marktwirtschaft und Demokratie – freilich nicht in ihrer bestehenden kapitalistisch verzerrten Form, sondern in einer ursprünglich gemeinten egalitären Form, die Individual- und Sozialethik verbindet und der Werteerosion der bloß zweckrationalen "Megaphilosophie" des Kapitalismus entgegenwirkt.

In der Freiwirtschaftsidee können sich ein nichtfundamentalistisches Verständnis von Religion und der aufgeklärte, aber nicht mehr verabsolutierte Vernunftglaube begegnen. Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne muss sie ihren Ort noch suchen und sich darüber Klarheit verschaffen, auf welchen fundamental- und/oder realpolitischen, auf jeden Fall gewaltfreien Wegen sich ihr Ziel verwirklichen lässt. Aber in ihrem Kern ist sie bereits eine nachprüfbare, ausbaufähige und kritikwürdige Theorie und keine mystische Heilsoffenbarung. Dies muss in der Öffentlichkeit mehr als bisher herausgestellt werden. Das Selbstbewusstsein von Geld- und Bodenreformern, den heute besten ökonomischen Lösungsansatz zu haben, lässt sich mit Lernfähigkeit und Bereitschaft zur selbstkritischen Reflexion durchaus vereinbaren.

Aus Zeitschrift für Sozialökonomie Folge 134 | September 2002

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