60. Mündener Gespräche:

"Bodenreform und Staatsfinanzierung"

   Nachdem die Krise auf den internationalen Finanzmärkten als Immobilienkrise in den USA begonnen hatte, setzten in Wechselwirkung mit sinkenden Zinsen horrende Bodenpreissteigerungen und eine exorbitante Spekulation mit dem Boden ein. Sie führten zu stark überhöhten Immobilienpreisen und Wohnungsmieten, bis die Blase platzte und die gesamte Weltwirtschaft mit in den Abgrund riss. Die weitgehend „bodenlose“ Wirtschaftswissenschaft konnte die Krise 2008 nicht voraussehen – sie versagte kläglich. Auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Niedrigzinsphase wird bezahlbares Wohnen zunehmend zum Problem. Die Niedrigzinsphase kam nicht etwa dem Faktor Arbeit zugute, sondern erhöhte die Bodenerträge und Bodenwerte. Die Wirtschaftswissenschaft und die von ihr angeleitete Politik sowie die Zivilgesellschaft hatten und haben all dem nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Bedingt durch ihre neoklassische Prägung, die den Boden als eigenständigen Produktionsfaktor eliminierte, ist die Wirtschaftswissenschaft hinter den Stand von vor 100 Jahren zurückgefallen, der mit den Arbeiten von Pierre Proudhon, Henry George, Michael Flürscheim, Silvio Gesell und Franz Oppenheimer erreicht war.
   Es war insbesondere das Verdienst von Henry George – dessen Todestag 2017 zum 120. Mal jährt – auch auf den Zusammenhang zwischen Bodenerträgen und Besteuerung hingewiesen zu haben. Seine Nachfolger (darunter v.a. der amerikanische Ökonom Mason Gaffney) entwickelten seine Gedanken fort. Danach können die Bodenerträge als „sozialer Überschuss“ interpretiert werden; höhere Steuerlasten schmälern diesen Überschuss und umgekehrt. Nach Henry George ist dieser soziale Überschuss jedoch ein – durch die Gemeinschaft geschaffenes – Gemeingut. Dieses darf nicht privatisiert werden, wie es gegenwärtig geschieht. Das Mittel der Wahl zur Vergemeinschaftung der Bodenrente ist nach Henry George eine Bodenwertsteuer. Diese wollte er als einzige Steuer einsetzen und alle anderen Steuerarten abschaffen. Mit diesem radikalen Vorschlag einer Single Tax, der schon auf die französischen Physiokraten (und noch weiter) zurückgeht, wollte er Ziele versöhnen, die nach der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft nicht gleichzeitig erreichbar sind: Zugang zum Boden, Verteilungsgerechtigkeit, Effizienz sowie die auskömmliche Dotierung der Staatsfinanzen. Der Blick über die Grenze zeigt, dass es sich bei den Ideen nicht nur um Hirngespinste handelt.
   Im Rahmen der Tagung wird das Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaft zum Boden (Land und Natur) reflektiert und der systematische Zusammenhang mit der Staatsfinanzierung beleuchtet. Letztlich führt dies auch zur Diskussion um den Charakter des Staates an sich. Derzeit sichert er die Privatisierung der ökonomischen Renten zugunsten einer Minderheit ab und kann seine eigene Finanzierung nur durch ein repressives Abgabensystem sicherstellen. Reformer wie Proudhon oder George zeigten Alternativen hierzu auf. Es gilt mehr denn je, sich auf diese Theorien zu besinnen und sie fortzuentwickeln.

Das Programm:

Samstag, 18. November 2017

09.15 Uhr  Begrüßung und Einführung in die Tagung
Dipl.-Volksw. Ass.jur. Jörg Gude, Steinfurt

09.30 Uhr  Von den Physiokraten bis zur Neoklassik: Henry George und der vergessene Faktor Land
Dipl. sc.pol.Univ. Bernadette Felsch, München

10.45 Uhr  Kaffeepause

11.00 Uhr  Bezahlbarer Wohnraum durch Planungswertabschöpfung oder fortentwickelte Sozialbindung aus Art. 14 Abs. 2 GG
Prof. Dr. Fabian Thiel, Hochschule Frankfurt/M.

12.30 Uhr  Mittagspause

14.30 Uhr  Staatliche Überschüsse – Spielraum für Steuerentlastungen?
Dipl.-Volkswirt Heinz Gebhardt, RWI Essen, AK Steuerschätzung

16.00 Uhr  Kaffeepause

16.30 Uhr  Landreform und Staatsfinanzen – zur Single Tax von Henry George
Prof. Dr. Dirk Löhr, Hochschule Trier, Umwelt-Campus Birkenfeld

18.00 Uhr  Abendpause

20.00 Uhr  Zeit für informelle Gespräche

Sonntag, 19. November 2017

9.15 Uhr  Henry Georges verstreutes globales Erbe: Was können wir für die Bodenwertsteuer - Diskussion in Deutschland von der Handhabung in anderen Ländern lernen?
David Kapfer, M.Sc. Wirtschaftsingenieur, ehem. Gastwissenschaftler zur Bodenwertsteuer am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Berlin

10.15 Uhr  Kaffeepause

10.45 Uhr  Diskussion zum Vortrag und zusammenfassendes Rundgespräch

12.30 Uhr  Ende der Tagung     [Änderungen vorbehalten!]

Information & Programm als PDF-Download:

60.MueGe_Programm .pdf (44,8 KiB)

Termine & Veranstaltungsort:

Die 60. Mündener Gespräche finden am 18./19. November 2017 in der
Silvio-Gesell-Tagungsstätte in Wuppertal statt.

Anmeldung:

Ausführliche Informationen zur Anmeldung und ein Online-Formular finden Sie unter https://goo.gl/4TcQF4

Weitere Informationen zur Tagungsstätte gibt es auf der Website  http://www.silvio-gesell-tagungsstaette.de/

Wegbeschreibung: http://lernort-wuppertal.de/anfahrt