65. Mündener Gespräche

Proudhon, Gesell, Keynes und negative Zinsen

Seit mehr als fünf Jahren halten die Zentralbanken Japans, Skandinaviens, der Schweiz und der Eurozone ihre Leitzinsen nahe bei null oder sogar un-terhalb von null. Das galt als völlig undenkbar, bis der US-amerikanische Ökonom Prof. Gregory Mankiw bald nach dem Beginn der großen Weltfi-nanzkrise im Herbst 2008 in einer Kolumne in der „New York Times“ schrieb, dass die Ökonomen und die Allgemeinheit sich in Zukunft genauso an negative Zinsen gewöhnen müssten, wie sich Mathematiker einstmals an negative Zahlen gewöhnt hätten. Mankiw erinnerte damals sogar an den So-zialreformer Silvio Gesell, der schon vor mehr als 100 Jahren die Idee nega-tiver Renditen gehabt hätte. Der weltberühmte Ökonom John Maynard Key-nes habe diese Idee für gut befunden. Und „in der Situation von Banken, die übergroße Reserven halten, erscheint Gesells Sorge über die Haltung von Geld ganz plötzlich sehr modern.“

   Das geldpolitische Handeln der Zentralbanken entspricht bislang jedoch noch nicht den Vorstellungen von Gesell. Das anstelle einer Einführung von „künstlichen Durchhaltekosten des Geldes“ von den Zentralbanken prakti-zierte sog. Quantitative Easing, also der massenhafte Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen, erreicht nicht die von ihnen angestrebte Wir-kung einer Stabilisierung der Wirtschaft.

   Zu Beginn der Tagung berichten Beate Bockting und Thomas Betz über die Ergebnisse ihrer Recherche im wissenschaftlichen Nachlass von John May-nard Keynes im King’s College in Cambridge/England. Vor und nach dem Erscheinen von Keynes‘ „Allgemeiner Theorie“ gab es interessante informel-le Debatten über die Geldreform. Bei dieser Recherche kamen auch bemer-kenswerte Details der legendären Völkerbund-Konferenz von Bretton Woods (1944) zum Vorschein, bei der sich Keynes leider nicht mit seinem „Bancor“-Plan zur Neuordnung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg durch-setzen konnte.

   Inzwischen gibt es besonders im angelsächsischen Sprachraum eine wis-senschaftliche Debatte über die Jahrzehnte lang in Vergessenheit geratenen geldreformerischen Ziele von Gesell. Vor dem Hintergrund von Weltfinanz-krise und Negativzinsentwicklung unterzieht Prof. Günter Rehme die Geldre-formgedanken von Gesell bei dieser Tagung einer erneuten wissenschaftli-chen Überprüfung.

   Außerdem werden zwei Doktoranden ihre wissenschaftlichen Forschungs-projekte vorstellen. Simon Papaud aus Paris bezieht den französischen Sozi-alreformer Pierre Joseph Proudhon mit ein, der ein bedeutender Vorläufer von Gesell und Keynes war. Und Christian Gelleri - bekannt als Initiator und Organisator des „Chiemgauer“-Regionalgeldes - stellt praktizierte Konzepte des Negativzinses vor und vergleicht die Theorie von Gesell und Keynes mit der heutigen Praxis. Welche Ergebnisse gibt es in kleinen monetären Expe-rimenten wie dem „Chiemgauer“? Und wie wirksam sind niedrig dosierte Anwendungen bei Zentralbankwährungen?   

Das Programm:

SAMSTAG, 14. MÄRZ 2020

9.15 Uhr  Begrüßung und Einführung in die Tagung
Dipl.-Volksw. Ass.jur. Jörg Gude
 
9.30 Uhr  Keynes‘ Sympathien für Gesells Geldreform - Ergebnisse einer Recherche in Keynes‘ Nachlass in Cambridge/GB
Beate Bockting, Greven bei Münster, Redakteurin der Zeitschrift „Fairconomy“
 
10.45 Uhr  Kaffeepause

11.00 Uhr  Keynes‘ Bancor-Plan zur Neuordnung der Weltwirtschaft - Eine Spurensuche im Keynes-Archiv in Cambridge/GB
Dipl.-Kfm. Thomas Betz, Berlin

12.30 Uhr  Mittagspause

14.30 Uhr  On „rusting money” - Silvio Gesells Schwundgeld reconsidered
Prof. Dr. Günther Rehme, TU Darmstadt

16.00 Uhr  Kaffeepause
 
16.30 Uhr  Negativzins - Theorie, Praxis und Empirie
Dipl.-Handelslehrer Christian Gelleri, Traunstein/Chiemgau,
Doktorand bei Prof. Dr. Bofinger und Prof. Dr. Feichtner an der Uni Würzburg im Forschungsprojekt „Demokratisierung von Geld und Kredit“

18.00 Uhr  Abendpause

20.00 Uhr  Zeit für informelle Gespräche


SONNTAG, 15. MÄRZ 2020

9.15 Uhr  Proudhon'scher Sozialismus und monetäre Wirtschaftsanalyse: von der Theorie zur Reform des Geldes[nbsp]
Simon Papaud, MA VWL und Wirtschaftssoziologie, Paris
Doktorand in Geschichte des ökonomischen Denkens an der Université de Picardie/Université Lumière Lyon 2

10.15 Uhr  Kaffeepause

10.45 Uhr  Diskussion zum Vortrag und zusammenfassendes Rundgespräch

12.30 Uhr  Ende der Tagung  | 

Änderungen vorbehalten

Information & Programm als PDF-Download:

65.MueGe_Programm2.pdf (51,5 KiB)

Anmeldung:

Ausführliche Informationen zur Anmeldung und ein Online-Formular der Silvio-Gesell-Tagungsstätte für die 65. Mündener Gespräche finden Sie unter https://hwlink.de/muege-03-2020 .

Veranstaltungsort:

Silvio Gesell Tagungsstätte, Schanzenweg 86, 42111 Wuppertal

Informationen zur Tagungsstätte:  http://www.silvio-gesell-tagungsstaette.de/

Wegbeschreibung: http://lernort-wuppertal.de/anfahrt