65. Mündener Gespräche

Die 65. Mündener Gespräche mit dem Thema „Proudhon, Gesell, Keynes und negative Zinsen“ konnten am 13.-15. März 2020 aufgrund der allgemeinen Verunsicherung durch den Corona-Virus, besonders in Nordrhein-Westfalen, leider nicht stattfinden.
Wir hoffen die Veranstaltung am 13.-15. November 2020 mit allen geplanten Vorträgen nachholen zu können. Nähere Informationen finden Sie hier zu ggb. Zeit.
Hierfür bitten wir freundlich um Ihr Verständnis.


Proudhon, Gesell, Keynes und negative Zinsen

Seit mehr als fünf Jahren halten die Zentralbanken Japans, Skandinaviens, der Schweiz und der Eurozone ihre Leitzinsen nahe bei null oder sogar un­terhalb von null. Das galt als völlig undenkbar, bis der US-amerikanische Ökonom Prof. Gregory Mankiw bald nach dem Beginn der großen Weltfi­nanzkrise im Herbst 2008 in einer Kolumne in der „New York Times“ schrieb, dass die Ökonomen und die Allgemeinheit sich in Zukunft genauso an negative Zinsen gewöhnen müssten, wie sich Mathematiker einstmals an negative Zahlen gewöhnt hätten. Mankiw erinnerte damals sogar an den So­zialreformer Silvio Gesell, der schon vor mehr als 100 Jahren die Idee nega­tiver Renditen gehabt hätte. Der weltberühmte Ökonom John Maynard Key­nes habe diese Idee für gut befunden. Und „in der Situation von Banken, die übergroße Reserven halten, erscheint Gesells Sorge über die Haltung von Geld ganz plötzlich sehr modern.“

   Das geldpolitische Handeln der Zentralbanken entspricht bislang jedoch noch nicht den Vorstellungen von Gesell. Das anstelle einer Einführung von „künstlichen Durchhaltekosten des Geldes“ von den Zentralbanken prakti­zierte sog. Quantitative Easing, also der massenhafte Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen, erreicht nicht die von ihnen angestrebte Wir­kung einer Stabilisierung der Wirtschaft.

   Zu Beginn der Tagung berichten Beate Bockting und Thomas Betz über die Ergebnisse ihrer Recherche im wissenschaftlichen Nachlass von John May­nard Keynes im King’s College in Cambridge/England. Vor und nach dem Erscheinen von Keynes‘ „Allgemeiner Theorie“ gab es interessante informel­le Debatten über die Geldreform. Bei dieser Recherche kamen auch bemer­kenswerte Details der legendären Völkerbund-Konferenz von Bretton Woods (1944) zum Vorschein, bei der sich Keynes leider nicht mit seinem „Bancor“-Plan zur Neuordnung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg durch­setzen konnte.

   Inzwischen gibt es besonders im angelsächsischen Sprachraum eine wis­senschaftliche Debatte über die Jahrzehnte lang in Vergessenheit geratenen geldreformerischen Ziele von Gesell. Vor dem Hintergrund von Weltfinanz­krise und Negativzinsentwicklung unterzieht Prof. Günter Rehme die Geldre­formgedanken von Gesell bei dieser Tagung einer erneuten wissenschaftli­chen Überprüfung.

   Außerdem werden zwei Doktoranden ihre wissenschaftlichen Forschungs­projekte vorstellen. Simon Papaud aus Paris bezieht den französischen Sozi­alreformer Pierre Joseph Proudhon mit ein, der ein bedeutender Vorläufer von Gesell und Keynes war. Und Christian Gelleri - bekannt als Initiator und Organisator des „Chiemgauer“-Regionalgeldes - stellt praktizierte Konzepte des Negativzinses vor und vergleicht die Theorie von Gesell und Keynes mit der heutigen Praxis. Welche Ergebnisse gibt es in kleinen monetären Expe­rimenten wie dem „Chiemgauer“? Und wie wirksam sind niedrig dosierte Anwendungen bei Zentralbankwährungen?

Die geplanten Hauptbeiträge

Keynes‘ Sympathien für Gesells Geldreform - Ergebnisse einer Recherche in Keynes‘ Nachlass in Cambridge/GB
Beate Bockting, Greven bei Münster, Redakteurin der Zeitschrift „Fairconomy“
 
Keynes‘ Bancor-Plan zur Neuordnung der Weltwirtschaft - Eine Spurensuche im Keynes-Archiv in Cambridge/GB
Dipl.-Kfm. Thomas Betz, Berlin

On „rusting money” - Silvio Gesells Schwundgeld reconsidered
Prof. Dr. Günther Rehme, TU Darmstadt

Negativzins - Theorie, Praxis und Empirie
Dipl.-Handelslehrer Christian Gelleri, Traunstein/Chiemgau,
Doktorand bei Prof. Dr. Bofinger und Prof. Dr. Feichtner an der Uni Würzburg im Forschungsprojekt „Demokratisierung von Geld und Kredit“

Proudhon'scher Sozialismus und monetäre Wirtschaftsanalyse: von der Theorie zur Reform des Geldes[nbsp]
Simon Papaud, MA VWL und Wirtschaftssoziologie, Paris
Doktorand in Geschichte des ökonomischen Denkens an der Université de Picardie/Université Lumière Lyon 2

Anmeldung:

Ausführliche Informationen zur Anmeldung und ein Online-Formular der Silvio-Gesell-Tagungsstätte für die 65. Mündener Gespräche im Herbst 2020 finden Sie hier zu ggb. Zeit.

Veranstaltungsort:

Silvio Gesell Tagungsstätte, Schanzenweg 86, 42111 Wuppertal

Informationen zur Tagungsstätte:  http://www.silvio-gesell-tagungsstaette.de/

Wegbeschreibung: http://lernort-wuppertal.de/anfahrt